Rheinbrücke Duisburg-Neuenkamp

Rheinbrücke Neuenkamp: Fertig gebaut. Aber noch nicht fertig.

Eine Brücke, die erst fertig ist, wenn sie zur Seite rutscht

Es gibt Bauprojekte, bei denen „fertig“ auch wirklich fertig bedeutet. Und dann gibt es die neue Rheinbrücke Neuenkamp in Duisburg. Die wird gebaut, eröffnet, befahren – und ist danach immer noch nicht am Ziel. Denn ein fertiges Teilstück dieser Brücke wird, während der Verkehr längst drüber rollt, am Ende komplett zur Seite geschoben. 14 Meter. Mit allem, was dranhängt.

Das ist eines dieser Details, bei denen ich als jemand aus der Ecke kurz innehalten musste. Nicht weil es spektakulär aussieht – die Brücke wirkt von der Autobahn aus wie jede andere große Rheinquerung. Sondern weil der Bauablauf ein Stück Ingenieurslogik offenbart, die man so nicht erwartet.

Warum die alte Brücke überhaupt weg muss

Die alte Rheinbrücke Neuenkamp stammt aus dem Jahr 1970 und war zu ihrer Bauzeit die längste Schrägseilbrücke der Welt. Ausgelegt war sie für 30.000 Fahrzeuge am Tag. Heute rollen über 100.000 drüber, Tendenz weiter steigend – bis 2030 werden werktäglich 126.500 Kfz erwartet. Eine Brücke, die für ein Drittel dieser Last gebaut wurde, kommt irgendwann an ihre Grenzen. Genau das ist passiert: Materialermüdung, Lkw-Beschränkungen, Ampelanlagen auf der Brücke. Die alte Querung musste weg.

Der Ersatz: eine neue, achtstreifige Rheinbrücke, 802 Meter lang, 75 Meter hoch, 68,25 Meter breit – mit eigenen, vom Verkehr abgeschirmten Rad- und Gehwegen hinter einer 6,5 Meter hohen Lärmschutzwand. Kein einzelnes Bauwerk übrigens, sondern zwei getrennte Brücken, eine pro Fahrtrichtung.

Der Trick mit den zwei Bauwerken

Warum zwei statt einer? Weil man den Verkehr während der Bauzeit irgendwo lassen muss. Die A 40 ist eine der wichtigsten Ost-West-Achsen im Ruhrgebiet, eine komplette Sperrung über Jahre wäre schlicht keine Option gewesen. Also: erst das südliche Teilbauwerk bauen, während der alte Koloss noch steht und den Verkehr trägt. Im November 2023 war es soweit – das erste Teilbauwerk ging in Betrieb, drei Spuren je Richtung, keine Gewichtsbeschränkung mehr. Danach kam die alte Brücke weg, und jetzt entsteht direkt daneben das zweite, nördliche Teilbauwerk.

Soweit klingt das nach einem sauberen, nachvollziehbaren Plan. Der eigentliche Clou steckt aber in der Feinjustierung der Lage.

Warum die fertige Brücke noch nicht an ihrem Platz steht

Als die Planer die Trasse für die neue Brücke festgelegt haben, ging es auch darum, dass möglichst kein Haus in Duisburg-Neuenkamp oder Homberg abgerissen werden muss. Die Lösung: Die neue Brücke liegt gegenüber der alten leicht verdreht, das westliche Widerlager wandert ein Stück nach Süden. Klingt nach einer Kleinigkeit auf dem Plan – hat aber eine ziemlich unpraktische Konsequenz für den Bauablauf.

Das südliche Teilbauwerk, das seit 2023 in Betrieb ist, wurde nämlich nicht direkt an seiner endgültigen Position errichtet, sondern leicht versetzt daneben – dort, wo vorher noch die alte Brücke stand beziehungsweise Platz war. Erst wenn das zweite, nördliche Bauwerk fertig ist, wandert das bereits fertige und befahrene südliche Bauwerk in seine finale Lage. Per Querverschub, rund 14 Meter seitlich.

Und dabei bleibt die Brücke, so absurd das klingt, größtenteils funktionstüchtig. Die Fahrbahnübergänge wurden extra so konstruiert, dass sie beim Verschub gleich mitwandern können – die Verankerung ist lösbar, der Beton drumherum wird vorher wieder rausgestemmt. Eine komplette, mehrspurige Autobahnbrücke, die man quasi im eingebauten Zustand zur Seite parkt. So etwas hat es laut Herstellerangaben in dieser Größenordnung noch nicht gegeben.

Und wann ist es dann wirklich fertig?

Gute Frage. Ursprünglich sollte das gesamte Projekt 2024 fertig sein. Dann war von 2026 die Rede, dann von 2027, aktuell nennt die DEGES 2028 für die Fertigstellung des zweiten Bauwerks und die volle Verkehrsfreigabe. Ein konkretes Datum für den eigentlichen Querverschub – also den Moment, in dem die südliche Brücke zur Seite rutscht – gibt es bislang nicht. Man darf also gespannt bleiben, wie oft dieser Termin noch wandert, bevor die Brücke es tut.

Bis dahin gilt: Wer über die A 40 bei Duisburg fährt, fährt über eine Brücke, die im Grunde weiß, dass sie noch nicht am Ziel ist. Das hat schon fast etwas Menschliches.

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