MTV sagt Goodbye – Das Ende einer Ära

Am 31. Dezember 2025 geht eine Ära zu Ende: MTV stellt seinen linearen Sendebetrieb ein. Nach mehr als vier Jahrzehnten Popgeschichte, Musikrevolution und Jugendkultur verabschiedet sich der einst mächtigste Musiksender der Welt – still und fast unbemerkt. Für mich, Jahrgang 1978, fühlt sich das schon seltsam an. Ich gehöre zur MTV-Generation, keine Frage. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als Ray Cokes in MTV’s Most Wanted das Publikum zum Lachen brachte oder Kristiane Backer mit unverwechselbarem Stil durch die Sendung führte. MTV war damals nicht nur Fernsehen – es war ein komplettes Lebensgefühl.

Wie alles begann

Music Television – kurz MTV – startete am 1. August 1981 in den USA mit den legendären Worten „Ladies and gentlemen, rock and roll“. Es war der Beginn des Musikfernsehens, das Stars erschuf, Mode prägte und Jugendkultur globalisierte. Für uns in Europa kam MTV im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre – mit eigenen Moderatoren, Shows und natürlich unzähligen Musikvideos, die einfach Geschichte schrieben.

Highlights, die Musikgeschichte schrieben

Ein paar dieser Videos bleiben unvergessen – auch, weil sie deutlich mehr waren als nur Werbung für Songs. Das waren richtige kleine Kunstwerke, die man immer wieder sehen wollte.

a-ha – „Take On Me“ (1985): Mit seiner faszinierenden Mischung aus Realfilm und Bleistift-Tricktechnik setzte dieses Video komplett neue Maßstäbe. Die Liebesgeschichte zwischen einer realen Frau und einer Comicfigur, die plötzlich lebendig wird und sie in seine gezeichnete Welt zieht – das war technisch spektakulär und emotional berührend zugleich. Die Rotoskopie-Technik, bei der über 3000 Einzelbilder per Hand nachgezeichnet wurden, wirkte wie pure Magie. Bis heute gehört „Take On Me“ zu den ikonischsten Musikvideos überhaupt und läuft gefühlt immer noch in Dauerschleife, wenn irgendwo die 80er gefeiert werden. Kein Wunder – dieser Mix aus eingängigem Synthie-Pop und visueller Innovation war einfach perfekt für MTV.

Soul Asylum – „Runaway Train“ (1993): Dieses Video war anders. Statt aufwendiger Inszenierung zeigte es etwas, das direkt unter die Haut ging: die Fotos realer vermisster Kinder und Jugendlicher. Die Band nutzte ihre Reichweite auf MTV, um auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen – und es funktionierte. Laut verschiedenen Quellen konnten durch die weltweite Ausstrahlung des Videos rund 26 der gezeigten Kinder wiedergefunden werden. Das Video wurde für verschiedene Länder angepasst und zeigte jeweils lokale Vermisstenfälle. Musik als Medium der Hoffnung und des sozialen Engagements – eindrucksvoller und bewegender ging es kaum. MTV bewies damit, dass der Sender mehr sein konnte als reine Unterhaltung.

Guns N‘ Roses – „November Rain“ (1992): Ein fast zehnminütiger Kurzfilm im Cinemascope-Format, mit opulentem Orchester, dramatischer Hochzeitsszene und Slash, der im strömenden Regen seine legendäre E-Gitarren-Solo spielt. Dieses Video zeigte eindrucksvoll, wie episch und filmreif Rockmusik inszeniert werden konnte. Mit einem Budget von über einer Million Dollar war es damals eines der teuersten Musikvideos seiner Zeit – und man sieht jeden Cent davon auf dem Bildschirm. Die monumentale Kirche, die Hochzeitsgesellschaft, Axl Rose am Flügel, dazu dieser emotionale Spannungsbogen – das war Kino fürs Musikfernsehen. MTV spielte es rauf und runter, und wir konnten nicht genug davon bekommen.

Michael Jackson – „Thriller“ (1983): John Landis‘ 14-minütiger Horror-Kurzfilm machte das Musikvideo zum eigenständigen Kunstwerk und zur kulturellen Referenz für Generationen. Mit aufwendigem Make-up, choreografierten Zombie-Tänzen und einer kompletten Handlung war „Thriller“ eher ein kleiner Spielfilm als ein gewöhnliches Musikvideo. Die tänzerische Präzision, die kinoreife Optik und dieser unverwechselbare Mix aus Grusel und Pop – das war Popkultur in Reinform. MTV wiederholte es gefühlt jeden Abend zur Prime Time, und niemand beschwerte sich. Im Gegenteil: Wir warteten darauf. Die rote Lederjacke wurde zum Kult, die Choreografie zum Klassiker, den heute noch jeder irgendwie kennt.

Madonna – „Like a Prayer“ (1989): Provokant, religiös aufgeladen, gesellschaftlich brisant – und genau deshalb unvergesslich. Madonnas Video löste weltweit heftige Debatten aus und zeigte eindrucksvoll, wie mächtig die Verbindung von Musik, Bild und Symbolik sein konnte. Brennende Kreuze, religiöse Ikonografie, eine Liebesgeschichte mit einem schwarzen Heiligen und die mutige Vermischung von Erotik und Spiritualität – das war zu viel für viele Kirchenvertreter und konservative Gruppen. Pepsi kündigte daraufhin sogar einen Millionen-Deal mit Madonna. Aber genau diese Kontroverse machte das Video unsterblich. MTV strahlte es natürlich aus, und wir diskutierten tagelang darüber. Das war Kunst, die polarisierte – und genau dafür stand MTV damals.

Die Shows, die wir nie vergessen

Neben den Musikvideos waren es auch die MTV-Shows, die den Sender zum absoluten Pflichtprogramm machten. MTV’s Most Wanted mit Ray Cokes war Kult, genauso wie Yo! MTV Raps für die Hip-Hop-Generation oder 120 Minutes für alle, die auf Alternative und Indie standen. Und dann gab’s da noch Beavis & Butt-Head – diese beiden Idioten auf der Couch, die Musikvideos kommentierten und dabei selbst zum Kult wurden.

Ein besonderes Highlight war Celebrity Deathmatch. Diese in Stop-Motion animierte Serie ließ Prominente in der Wrestling-Arena blutig aufeinander losgehen – absurd, satirisch und herrlich respektlos. Ob Marilyn Manson gegen Charles Manson, *NSYNC gegen Backstreet Boys oder Pamela Anderson gegen RuPaul – die Kämpfe waren grotesk überzogen und unfassbar unterhaltsam. Celebrity Deathmatch zeigte perfekt, dass MTV nicht nur Musik verstand, sondern auch Zeitgeist: ironisch, frech und immer am Puls der Popkultur. Solche Formate würden heute wahrscheinlich sofort gecancelt werden – damals waren sie einfach genial.

Warum MTV heute verstummt

Dass MTV in Zeiten von YouTube, TikTok und Streamingdiensten verschwindet, überrascht am Ende nicht wirklich. Musikvideos leben weiter – aber sie haben längst ihre Plattform gewechselt. MTV hat über Jahre hinweg versucht, sich neu zu erfinden: mit Realityshows, Influencer-Inhalten und Social-Media-Strategien. Doch ohne lineares Publikum, ohne die gemeinsame TV-Erfahrung auf dem Sofa, blieb vom alten Zauber verdammt wenig übrig. Die Kids von heute entdecken ihre Musik auf dem Smartphone in Sekundenbruchteilen – nicht mehr zwischen Werbespots um Mitternacht im Fernsehen.

Danke für den Beat meiner Jugend

Trotz allem: Danke, MTV. Danke für die Nächte mit Kopfhörer und flimmerndem Bildschirm, für die Momente, in denen man einfach hängenblieb, weil gerade das Video lief. Danke für Ray Cokes, Headbangers Ball, Celebrity Deathmatch, Beavis & Butt-Head und „120 Minutes“. Danke für die Inspiration, die Ästhetik – und für dieses unbeschreibliche Gefühl, Teil einer globalen Musikbewegung zu sein.

Am Ende bleibt ein Satz, den wir damals vielleicht gar nicht richtig verstanden haben: Video killed the radio star. Heute könnte man fast sagen – Streaming killed the video star. Aber die Erinnerung? Die bleibt.