Also gut. Ein Jahr ist jetzt um. Ein Jahr Schwarz-Rot unter Friedrich Merz. Zeit, mal nüchtern hinzuschauen, was von all den großen Worten übrig geblieben ist. Und das Ergebnis ist, wie soll ich es nennen: ernüchternd. Nein, eigentlich ist es schlimmer als ernüchternd. Es ist eine Nullnummer mit Ansage.
Erinnern wir uns kurz. Im April 2025 unterschrieben CDU/CSU und SPD einen 144-seitigen Koalitionsvertrag mit dem vollmundigen Titel „Verantwortung für Deutschland". Wirtschaftswende. Solide Finanzen. Weniger Bürokratie. Die AfD halbieren. Das Land wieder nach vorne bringen. Es klang wie eine dieser PowerPoint-Präsentationen, die eine Unternehmensberatung kurz vor dem Insolvenzantrag noch schnell rausjagt.
Das Versprechen. Die Realität. Der Unterschied.
Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: den Finanzen. Merz, der Mann, der sich über Jahre als Hüter der Schwarzen Null inszeniert hat, regiert jetzt mit einem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen. Der Begriff ist natürlich ein sprachliches Meisterwerk. „Sondervermögen" klingt nach etwas Positivem, nach Rücklage, nach vorausschauendem Haushalten. In Wirklichkeit handelt es sich um einen historischen Schuldenberg, den unsere Kinder und Enkel über Jahrzehnte abtragen werden. Das ist kein Regieren, das ist Generationendiebstahl mit Koalitionsstempel.
Und die Wirtschaft? Der versprochene Aufschwung? Im September 2025 rief die Koalition vollmundig den „Herbst der Reformen" aus. Merz sagte damals, dieser sei „längst eingeleitet". Eingeleitet. Wie eine Baustelle, bei der man die Absperrung aufgestellt, aber noch keine Schaufel in die Hand genommen hat. Die Konjunkturprognosen zeigen weiter nach unten, die Industrie wandert ab, und als einzige wirklich beschlossene Reform kann die Regierung die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent vorweisen — wobei man sich fragt, ob das jetzt eine Leistung oder einfach das Mindeste ist, was man von einer Regierung erwarten kann.
Der Moment in Salzwedel
Aber wirklich begreifbar wurde das Ausmaß der Entfremdung dieses Kanzlers von normalen Menschen in einem Moment, der sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen wird. Ende April 2026, Bürgerdialog in Salzwedel. Eine Frau, Hautkrebs im Endstadium, steht auf und fragt: Warum wird bei den Bürgern im Gesundheitsbereich gespart, während die Bundesregierung plant, sich selbst 64.000 Euro mehr im Jahr zu zahlen? Sie habe nicht einmal mehr das Geld für ihre eigene Beerdigung, sagt sie — und lädt den Kanzler mit bitterer Ironie gleich dazu ein.
Was dann kam, war unfassbar. Merz, statt auch nur einen Hauch von Menschlichkeit zu zeigen, ging zum Angriff über. Er behauptete mehrfach, eine Gehaltserhöhung der Regierungsmitglieder sei „zu keinem Zeitpunkt" geplant gewesen. Er forderte die Frau auf, solche Dinge künftig nicht „ungeprüft" zu wiederholen. Dabei war bereits Mitte April 2026 — also zwei Wochen vor dem Dialog — ein entsprechender Gesetzentwurf aus dem Bundesinnenministerium öffentlich bekannt geworden, der auf Seite 79 eine massive Gehaltserhöhung für Spitzenbeamte vorsah. An diese Gehälter sind, durch das Bundesministergesetz, auch die Bezüge der Minister und des Kanzlers selbst gekoppelt.
Der Saal antwortete auf seine Selbstverteidigung — als er sagte, für eine Bilanz sei es „zu früh" — mit schallendem Gelächter. Ein ganzer Saal lacht den amtierenden Bundeskanzler aus. Das sagt alles.
Ein Kanzler, der auf alle herabschaut
Das Problem mit Merz ist nicht, dass er schlechte Umfragewerte hat — die CDU ist auf 19 Prozent abgestürzt, über 70 Prozent der Deutschen sind laut Euronews unzufrieden mit ihm. Das Problem ist, dass er es nicht zu verstehen scheint. Oder will. Der Mann ist Millionär, ehemaliger BlackRock-Aufsichtsrat, war jahrelang weg aus der aktiven Politik und dann plötzlich wieder da — als Heilsbringer. Aber man kann keinen Heilsbringer mimen, wenn man offensichtlich keine Ahnung hat, was eine Kilowattstunde kostet oder wie es sich anfühlt, eine Krankenkassenrechnung nicht zahlen zu können.
Stattdessen: Koalitionsstreit im Dauerbetrieb. Laut einem CDU-Mitglied des Parlamentskreises Mittelstand soll die Regierung „keine vier Jahre" durchhalten. Beim Koalitionsausschuss Ende April soll Merz seinen Vizekanzler Klingbeil angebrüllt haben. International macht er sich bei Trump unbeliebt — der nennt ihn „völlig wirkungslos" — und in Belém bei den Brasilianern, als er sagte, alle seien „froh", wieder abzureisen. Es ist ein Kunstwerk der diplomatischen Katastrophe.
Und die AfD? Die lacht sich ins Fäustchen.
Merz hatte versprochen, die AfD zu halbieren. Das Einzige, das er halbiert hat, ist das Vertrauen in seine eigene Partei. Während die Union abstürzt, bleibt die AfD stabil. Das ist die bitterste Ironie dieser Regierungszeit: Wer antritt, um den Populismus zu bekämpfen, indem er dessen Themen übernimmt, züchtet ihn nur weiter. Das hat noch nie funktioniert. Wird es auch diesmal nicht.
Ich sage das nicht aus Freude. Es ist nicht schön, zuzuschauen, wie ein Land ins Schlingern gerät. Aber ich finde es noch weniger schön, eine Regierung zu verteidigen, die Schwerstkranke bei Bürgerveranstaltungen anschnauzt, Wahlversprechen reihenweise bricht und dann auch noch erwartet, dass wir alle dankbar klatschen sollen.
Ein Jahr. Und die Frage „Was ist eigentlich besser geworden?" wird mit Gelächter beantwortet. Das ist das Fazit.