Zurück zum Mond – diesmal mit Plan (und Verzögerungen)
Manchmal braucht die Menschheit einfach ein großes Ziel. Eines, das uns zusammenbringt, das uns träumen lässt und das uns zeigt, wozu wir fähig sind. In den 1960ern war es John F. Kennedys Vision, einen Menschen zum Mond zu bringen und sicher zurück zur Erde. Jetzt, über 50 Jahre später, steht die Artemis 2 Mission in den Startlöchern – allerdings nicht mehr ganz so unmittelbar, wie man das noch vor ein paar Tagen dachte.
Die Mission ist nicht irgendein Raketenstart. Es ist die erste bemannte Mondmission seit Apollo 17 im Jahr 1972. Vier Astronauten sollen um den Mond fliegen, weiter von der Erde entfernt als je ein Mensch zuvor – mehr als 400.000 Kilometer. Das übertrifft sogar den Rekord von Apollo 13, der bei knapp 400.000 Kilometern lag. Diesmal aber hoffentlich ohne die lebensbedrohlichen Komplikationen. Und ohne weitere Verzögerungen – wobei, da kommen wir gleich noch drauf.
Von Apollo zu Artemis – Die Geschichte wiederholt sich
Die Apollo-Missionen waren mehr als nur Raumfahrt. Sie waren ein Statement im Kalten Krieg, ein technologischer Wettkampf zwischen den USA und der Sowjetunion. Als Gagarin 1961 als erster Mensch ins All flog, war das ein Schock für Amerika. Kennedys Antwort war ebenso mutig wie riskant: Wir gehen zum Mond. Nicht weil es einfach ist, sondern weil es verdammt schwer ist.
Das Artemis-Programm knüpft an dieses Erbe an – allerdings mit anderen Vorzeichen. Diesmal geht es nicht primär um nationale Überlegenheit, sondern um langfristige Ziele: eine dauerhafte Präsenz auf dem Mond etablieren, wissenschaftliche Forschung betreiben und letztendlich den Mars ins Visier nehmen. Artemis 2 ist dabei der entscheidende Testflug. Die unbemannte Artemis 1 Mission im Jahr 2022 hat gezeigt, dass die Technik grundsätzlich funktioniert. Jetzt kommt der Härtetest mit Menschen an Bord.
Die Ziele der Mission sind klar: Das Space Launch System (SLS) – die stärkste Rakete, die je gebaut wurde – und die Orion-Kapsel müssen beweisen, dass sie Menschen sicher zum Mond und zurück bringen können. Lebenserhaltungssysteme, Navigation, Hitzeschild – all das wird unter extremen Bedingungen getestet. Wenn Artemis 2 erfolgreich ist, steht Artemis 3 in den Startlöchern: Die erste Landung von Menschen am Südpol des Mondes, geplant für 2028.
Aktueller Stand – Zurück in den Hangar
Geplant war Artemis 2 ursprünglich schon für 2021. Dann für 2024. Dann für September 2025. Dann für Februar 2026. Dann für Anfang März. Und jetzt? Frühestens April 2026 – wenn überhaupt. Willkommen in der modernen Raumfahrt, wo Präzision und Sicherheit eben Zeit kosten. Viel Zeit.
Am vergangenen Wochenende kam die Hiobsbotschaft: Die NASA rollt die komplette Rakete mitsamt Orion-Kapsel vom Startplatz zurück ins Vehicle Assembly Building (VAB). Die riesige Halle, in der die Mondraketen zusammengebaut werden – eines der größten Gebäude der Welt. Der Grund: Probleme mit dem Heliumfluss zur oberen Raketenstufe. Helium wird benötigt, um die kryogenen Treibstoffe – Wasserstoff und Sauerstoff – herunterzukühlen und flüssig zu halten. Stockt der Zustrom, droht im schlimmsten Fall ein Temperaturanstieg und damit eine Explosion. Nicht ideal, wenn Menschen an Bord sind.
Der Rollback selbst ist eine logistische Meisterleistung: Das 160 Tonnen schwere Raketensystem wird auf dem sogenannten Crawler-Transporter über eine gut 6,5 Kilometer lange Strecke zurück ins VAB gerollt. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 1,6 Kilometern pro Stunde. Der Crawler selbst wiegt unbeladen rund 3.000 Tonnen und verbraucht dabei etwa 625 Liter Diesel pro Kilometer. Effizienz sieht anders aus, aber es funktioniert.
Ursprünglich sollte der Start am 6. März stattfinden. Nach zwei „Wet Dress Rehearsals“ – Generalproben mit kompletter Betankung – schien zunächst alles im grünen Bereich. Die Crew war bereits in Quarantäne. Dann stellte sich am 21. Februar heraus: Der Heliumfluss funktioniert nicht wie gewünscht. Die Teams untersuchen nun mehrere mögliche Ursachen – von Ventilproblemen über Filter bis hin zur Schnittstelle zwischen Bodenausrüstung und Rakete.
Das Pikante daran: Ein ähnliches Problem gab es bereits bei Artemis 1 im Jahr 2022. Damals verzögerte sich der unbemannte Testflug monatelang. Jetzt wiederholt sich die Geschichte. Mit Menschen an Bord muss man noch vorsichtiger sein – logisch. Aber trotzdem frustrierend für alle Beteiligten.
Das nächste Startfenster öffnet sich vom 1. bis 6. April 2026. Ob die NASA das schafft, hängt davon ab, wie schnell das Problem identifiziert und behoben werden kann. Die Crew wurde aus der Quarantäne entlassen und ist nach Houston zurückgekehrt. Zum zweiten Mal. Man gewöhnt sich langsam daran.
Wasserstoff – das schwierigste Element im Universum
Kommen wir zum eigentlichen Problem: Wasserstoff. Genauer gesagt, flüssiger Wasserstoff bei minus 252 Grad Celsius. Klingt harmlos? Ist es definitiv nicht.
Wasserstoff ist das kleinste Atom im Periodensystem. Es besteht nur aus einem Proton und einem Elektron. Wenn sich zwei Wasserstoffatome verbinden, entsteht ein H₂-Molekül – und das ist winzig. Unvorstellbar winzig. So winzig, dass es durch quasi jede noch so kleine Lücke passt. Selbst hochmoderne Dichtungen aus speziellen Werkstoffen halten Wasserstoff nicht dauerhaft zurück. Das Molekül diffundiert einfach durch.
Deshalb sind Lecks beim Betanken der SLS-Rakete ein wiederkehrendes Problem. Die NASA muss über 2,6 Millionen Liter flüssigen Wasserstoff in die Tanks pumpen. Das Zeug ist hochentzündlich, explosiv und verdammt flüchtig. Schon kleinste Undichtigkeiten an den Schnittstellen zwischen Bodenausrüstung und Rakete führen zu messbaren Verlusten. Bei den ersten Tests für Artemis 1 traten Lecks von mehreren Prozent auf – viel zu viel für einen sicheren Start.
Das Problem liegt oft in den Dichtungen. Bei den extremen Temperaturen von minus 252 Grad ziehen sich Materialien zusammen, werden spröde, verformen sich. Gleichzeitig herrschen enorme Drücke. Die Kombination ist tödlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn zu viel Wasserstoff austritt, bildet sich ein explosives Gemisch. „Knallgas“ nennt man das nicht ohne Grund.
Bei Artemis 2 gab es beim ersten Wet Dress Rehearsal Anfang Februar Wasserstofflecks an der sogenannten „Tail Service Mast Umbilical“-Schnittstelle – der Verbindung zwischen Startturm und Rakete. Die NASA tauschte daraufhin zwei kritische Dichtungen aus. Beim zweiten Test am 20. Februar sah es zunächst besser aus: Die Wasserstoffkonzentrationen blieben unter den Grenzwerten. Man atmete auf. Zu früh.
Denn nach Ende des Tests stellte sich heraus: Das Heliumproblem. Und das ist mindestens genauso kritisch. Helium wird benötigt, um die Tanks unter Druck zu setzen und die Treibstoffe zum Triebwerk zu pressen. Ohne funktionierenden Heliumfluss kein Start. So einfach ist das.
Die technischen Vorbereitungen sind gigantisch. Das SLS ist knapp 100 Meter hoch und wiegt ohne Treibstoff rund 1.600 Tonnen. Die Rakete wird durch vier RS-25-Antriebe und zwei Feststoff-Booster mit je fünf Segmenten ins All befördert. Beim Flug erreicht sie eine Maximalgeschwindigkeit von über 36.000 Kilometern pro Stunde. Die Orion-Kapsel selbst kann bis zu vier Crew-Mitglieder transportieren und ist für Missionszeiten von bis zu 21 Tagen ausgelegt.
Klingt nach viel? Ist es auch. Aber genau diese Komplexität macht Raumfahrt so faszinierend – und so verdammt schwierig.
Die Crew – Vier Menschen auf dem Weg zum Mond
Vier Menschen werden Geschichte schreiben – vorausgesetzt, die Technik spielt endlich mit. Commander Reid Wiseman wird die Mission leiten. Der ehemalige Navy-Pilot und Ingenieur war bereits 2014 für sechs Monate auf der ISS. Victor Glover ist der Pilot und ebenfalls ein erfahrener Testpilot. Er war 2020 auf dem ersten operativen Flug von SpaceX’s Crew Dragon im All.
Christina Koch ist Mission Specialist und hält einen Rekord: 328 Tage am Stück im All – die längste durchgehende Weltraummission einer Frau. Sie führte auch den ersten rein weiblichen Weltraumspaziergang durch. Jeremy Hansen von der Canadian Space Agency komplettiert das Team als zweiter Mission Specialist. Für ihn ist es der erste Raumflug überhaupt – und direkt zum Mond.
Die Crew repräsentiert internationale Zusammenarbeit – mit einem Kanadier an Bord – und bringt unterschiedliche Perspektiven mit. Glover wird der erste Afroamerikaner sein, der den Mond umkreist, Koch die erste Frau. Das ist bemerkenswert, keine Frage. Für die ISS ist Diversität allerdings längst Alltag – dort waren schon Dutzende Nationen und Menschen aller Hintergründe vertreten. Der eigentliche Meilenstein hier ist: Es geht wieder zum Mond. Und das nach über 50 Jahren Pause.
Geldverschwendung oder Investition in die Zukunft?
Kommen wir zur Gretchenfrage: Lohnt sich das Ganze? Das Apollo-Programm kostete damals umgerechnet über 100 Milliarden Dollar. Artemis wird ähnlich teuer – wenn nicht teurer. Kritiker argumentieren, dass das Geld besser in Klimaschutz, Bildung oder Gesundheit investiert wäre. Und ja, diese Argumente haben durchaus Berechtigung.
Aber hier ist die Sache: Raumfahrt war noch nie nur Selbstzweck. Die Apollo-Missionen brachten uns nicht nur zum Mond – sie trieben technologische Innovationen voran, die bis heute unseren Alltag prägen. Von integrierten Schaltkreisen über Solarzellen bis hin zu modernem Projektmanagement. Die NASA musste damals die Arbeit von 400.000 Menschen aus 20.000 Firmen koordinieren – Projektmanagement-Methoden, die heute Standard sind.
Wissenschaftlich gesehen ist der Nutzen enorm. Der Mond ist ein Fenster in die Vergangenheit unseres Sonnensystems. Sein Südpol könnte Wassereis enthalten – eine potenzielle Ressource für zukünftige Missionen. Die Erforschung des Mondes hilft uns auch, die Erde besser zu verstehen. Wie entstehen Planeten? Wie entwickelt sich Leben? Diese Fragen lassen sich im Labor nicht beantworten.
Gesellschaftlich bringt Raumfahrt etwas, das man schwer in Zahlen messen kann: Inspiration. Die Apollo-Missionen inspirierten eine ganze Generation von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Träumern. Das ikonische „Earthrise“-Foto von Apollo 8 – die Erde, aufgehend über dem Mondhorizont – gilt als eines der Bilder, die das moderne Umweltbewusstsein mitbegründeten. Es zeigte uns: Wir sind verletzlich. Wir müssen auf unseren Planeten aufpassen.
Warum mich Raumfahrt fasziniert
Kennedys Vision hat damals ein Land unter einem Ziel vereint. Es wurden komplett neue Dinge erdacht, um dieses Ziel zu erreichen. Ungeahnte Kreativität und viel Mut waren notwendig – Sicherheit war damals eher zweitrangig, was man an tragischen Unfällen wie Apollo 1 sah, bei dem drei Astronauten bei einem Bodentest ums Leben kamen.
Heute leben wir in einer Zeit, in der die Erde immer weiter kaputt gemacht wird. Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit – die Liste ist lang. Genau deshalb ist es wichtiger denn je, mehr über Planeten und das Leben außerhalb der Erde zu lernen. Nicht um wegzulaufen, sondern um zu verstehen. Um Lösungen zu finden. Um zu erkennen, wie einzigartig und schützenswert unser blauer Planet ist.
Raumfahrt fasziniert mich, weil sie diese drei Dinge vereint: Kreativität, Technik und Entdeckergeist. Es ist das Beste, was Menschsein ausmacht. Wir wollen wissen, was hinter dem Horizont liegt. Wir wollen Grenzen überwinden. Wir wollen verstehen.
Der Mond hat die Menschheit schon immer fasziniert. Er regelt unsere Gezeiten, er strukturierte unsere Kalender, er inspirierte Dichter und Denker. Fast jede Kultur hat Mythen über den Mond. Er war Gott, Göttin, Begleiter, Wächter. Die Apollo-Missionen haben ihn entmystifiziert – und gleichzeitig noch faszinierender gemacht. Denn sie zeigten uns: Wir können dahin. Wir können Träume Realität werden lassen.
Technologien, die ohne Raumfahrt nicht existieren würden
Apropos Kreativität und Technik: Viele Dinge, die wir heute als selbstverständlich betrachten, haben ihre Wurzeln in der Raumfahrt. Zwar ist die Geschichte, dass Teflon oder der Klettverschluss von der NASA erfunden wurden, ein Mythos – beide gab es schon vorher. Aber die NASA hat diese Technologien entscheidend weiterentwickelt und bekannt gemacht.
Was aber tatsächlich aus der Raumfahrt stammt:
Integrierte Schaltkreise: Der Apollo Guidance Computer war das erste Gerät, in dem ICs zum Einsatz kamen. Heute stecken sie in jedem Smartphone, jedem Computer, praktisch überall.
Solarzellen: Sie wurden nicht für die Raumfahrt erfunden, aber entscheidend durch sie fortentwickelt. Als Stromquelle im All sind sie ideal – kein fossiler Brennstoff, keine Batterien. Heute eine Schlüsseltechnologie im Kampf gegen den Klimawandel.
Moderne Bildgebung: Die digitale Fotografie wurde bei der NASA entwickelt. Jedes Smartphone trägt heute ein Stück dieser Technologie in sich.
Brennstoffzellen: In den 1960ern führte die NASA Brennstoffzellen ein, um Astronauten mit Strom und Wasser zu versorgen. Heute gelten sie als Hoffnungsträger für saubere Energie.
Akkustaubsauger: Die NASA beauftragte Black & Decker 1960 mit der Entwicklung eines kabellosen Bohrers für Monderkundungen. Daraus entstanden die heutigen Handstaubsauger.
Stoßdämpfungssysteme: Ursprünglich entwickelt, um beim Start der Saturn-V-Rakete die enormen Kräfte abzufedern, schützen diese Systeme heute Gebäude und Brücken weltweit vor Erdbeben.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Der Punkt ist: Wenn wir in extreme Forschung investieren, profitieren wir alle davon – oft auf Wegen, die niemand vorhergesehen hat.
Fazit – Gute Reise, wann immer es losgeht
Wenn alles nach Plan läuft – und bei Artemis läuft selten alles nach Plan – werden im April 2026 vier Menschen zum Mond aufbrechen. Vielleicht. Möglicherweise. Hoffentlich. Sie werden weiter reisen als jeder Mensch vor ihnen. Sie werden ein Kapitel der Geschichte aufschlagen, das nach über 50 Jahren Pause viel zu lange geschlossen war. Und sie werden hoffentlich sicher zurückkehren.
Die Verzögerungen sind frustrierend, keine Frage. Aber sie sind auch nachvollziehbar. Jedes Mal, wenn ein Apollo-Astronaut zum Mond flog, war es ein kalkuliertes aber immer noch hohes Risiko. Die Sicherheitsstandards waren damals… sagen wir mal, großzügig ausgelegt. Heute können wir es uns leisten, vorsichtiger zu sein. Und das sollten wir auch.
Ich wünsche Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und Jeremy Hansen eine gute Reise. Mögen die Triebwerke zünden, möge die Technik halten, mögen alle Dichtungen dicht bleiben und möge das verdammte Helium endlich fließen. Und mögen sie uns alle daran erinnern, wozu wir fähig sind, wenn wir zusammenarbeiten, wenn wir träumen, wenn wir es wagen.
Denn am Ende geht es nicht nur um den Mond. Es geht darum, dass wir Menschen sind, die entdecken wollen. Die verstehen wollen. Die niemals aufhören zu fragen: Was liegt hinter dem Horizont?
In diesem Sinne: Never Stop Exploring. Auch wenn’s länger dauert als geplant.



