Ich und Animes, das war bislang eine ziemlich klare Sache: nö. Ich bin ja ohnehin nicht der große Zeichentrick-Fan, und Animes waren für mich so die Hardcore-Version davon. Überzeichnet, hektisch, viele Effekte, viel Geblitze. So gar nicht meins.

Eine Freundin von mir sieht das naturgemäß anders. Sie ist großer Anime-Fan und hatte es sich gefühlt zur Aufgabe gemacht, eins zu finden, das mir gefällt. Sie war felsenfest überzeugt: Das gibt es garantiert. Und was soll ich sagen – sie hatte recht. Es heißt Vinland Saga.

Worum geht's überhaupt?

Kurz gesagt: um Wikinger. Im Prinzip ist das Wickie und die starken Männer in cool. Ein bisschen abgedrehter und weniger lustig – auch wenn es durchaus sehr witzige Momente hat.

Etwas länger: Nordeuropa, Anfang des 11. Jahrhunderts. Thorfinn ist noch ein Kind, als sein Vater Thors, ein ehemaliger Elitekrieger, vom Söldnerführer Askeladd getötet wird. Statt nach Hause zurückzukehren, schließt sich Thorfinn ausgerechnet dessen Truppe an. Sein einziges Ziel: Askeladd irgendwann im Duell erledigen. Bis es so weit ist, kämpft er für ihn. Jahr für Jahr, Schlacht für Schlacht.

Den großen Rahmen bildet der dänische Feldzug gegen England. Mittendrin: der junge Prinz Knut, der sich vom schüchternen Bengel zu jemandem entwickelt, mit dem man besser keinen Ärger hat. Und Thorkell, ein Riese von einem Krieger, der zunächst auf der englischen Seite kämpft – einfach weil es da mehr Spaß macht. Beste Grüße gehen raus an Thorkell, besten Wikinger, wo gibt.

Die zweite Staffel schlägt dann einen ganz anderen Ton an. Weniger Schlachtfeld, mehr Acker. Thorfinn muss sich der Frage stellen, was eigentlich von einem Leben übrig bleibt, das nur aus Rache bestand. Und irgendwo am Horizont steht die Idee eines Landes weit im Westen, in dem niemand Krieg führt: Vinland.

Ziemlich nah an der Geschichte

Was mich überrascht hat: Vieles davon ist gar nicht ausgedacht. Sven Gabelbart, Knut der Große, Thorkell – alles historische Figuren. Und auch Thorfinn hat ein reales Vorbild: Thorfinn Karlsefni, der um das Jahr 1010 versucht haben soll, in Vinland zu siedeln – also in Nordamerika, wo Leif Eriksson ein paar Jahre zuvor gelandet war.

Das Ganze ist mit sehr viel Liebe zum Detail umgesetzt. Und vor allem: Hier wurde nichts in drei Folgen gequetscht. Man nimmt sich die Zeit, die Geschichte in Ruhe zu erzählen.

Langsam genug für mich

Und genau das hat es für mich ausgemacht: Es ist nicht hektisch. Klar, es gibt Kampfszenen, und die sind natürlich ein bisschen wilder. Aber eben nicht dieses Blitz, Bumm, Tschakalaka, irgendwie überzeichnet, mit riesigen Magieeffekten oder sonst was. Es passt einfach. Ich sag mal: langsam genug für mich.

Die Sache mit den gezeichneten Figuren

Ganz bekehrt bin ich trotzdem nicht. Mein größtes Problem mit Animes war immer, dass ich keine richtige Beziehung zu den Charakteren aufbauen kann. Es sind halt gezeichnete Figuren. Und das ist auch bei Vinland Saga nicht anders. Ob Dagobert Duck oder Thorkell der Wikinger – den direkten Draht kriege ich da nicht. Es bleibt immer sehr klar, dass das keine echten Leute sind.

Aber: Die Geschichte trägt das. Und das ist schon eine ganze Menge.

Und jetzt?

Eine dritte Staffel wird schon länger gemunkelt, offiziell bestätigt ist sie bislang nicht. Wenn sie kommt, schaue ich sie mir aber ganz sicher an. So gesehen hat mich das dann doch selbst überrascht – und positiv beeindruckt. Danke für die Hartnäckigkeit, liebe Freundin. Mission erfüllt.

Bildcredit: Netflix