The Visit – Shyamalans Rückkehr zum kleinen Gruselkino

M. Night Shyamalan ist so eine Sache. Nach dem grandiosen „The Sixth Sense“ und einigen soliden Followern kam irgendwann eine Phase, in der man sich als Fan schon fragte, ob der Mann nicht mal jemanden braucht, der ihm sagt: „Äh, vielleicht lieber nicht?“ Umso überraschender war dann „The Visit“ – ein Film, der 2015 herauskam und derzeit auf Netflix verfügbar ist. Hier kehrte Shyamalan zu dem zurück, was er am besten kann: kleines, intimes Gruselkino mit einem ordentlichen Twist am Ende.

Found Footage im Haus der Großeltern

Die Story ist schnell erzählt, ohne zu spoilern: Zwei Geschwister, Becca und Tyler, fahren zu ihren Großeltern aufs Land. Die beiden kennen Oma und Opa noch gar nicht richtig – die Eltern hatten irgendwann den Kontakt abgebrochen. Jetzt soll eine Woche Besuch auf dem Bauernhof die Familie wieder zusammenbringen, während Mama auf Kreuzfahrt geht.

Soweit, so harmlos. Becca, die ältere der beiden, ist angehende Filmemacherin und will die ganze Sache natürlich dokumentieren. Daher läuft der Film im „found footage“-Stil: alles aus der Perspektive ihrer Handkamera. Das wirkt zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig – man kennt das ja von „Blair Witch Project“ oder „Paranormal Activity“. Aber hier passt es wirklich gut. Die wackelige Kamera, die subjektiven Blickwinkel und die bewusst unprofessionelle Optik schaffen eine unruhige, fast schon voyeuristische Atmosphäre, die perfekt zum Setting passt.

Und dann wird es langsam seltsam. Oma und Opa sind… nett, aber irgendwie auch nicht. Sie benehmen sich merkwürdig. Nächtliche Geräusche, seltsame Rituale, unerklärliche Wutausbrüche. Die Kinder versuchen erst, sich das alles schönzureden. Vielleicht sind alte Leute halt so? Aber je weiter die Woche voranschreitet, desto klarer wird: Hier stimmt was ganz und gar nicht.

Der Twist, der sitzt

Shyamalan wäre nicht Shyamalan, wenn es keinen Plot-Twist gäbe. Und „The Visit“ liefert einen ab, der wirklich funktioniert. Klar, er erreicht nicht ganz die emotionale Tiefe und die filmische Brillanz von „The Sixth Sense“, aber das ist auch ein unfairer Maßstab. Der Wendepunkt hier ist clever aufgebaut, nicht aus der Luft gegriffen und sorgt für einen echten Aha-Moment.

Was den Film zusätzlich stark macht, ist seine Zurückhaltung. Shyamalan übertreibt es nicht mit CGI-Effekten oder lauten Jump Scares. Stattdessen setzt er auf Atmosphäre, auf das Bedrohliche im Alltäglichen, auf das Unbehagen, das entsteht, wenn vertraute Strukturen – wie eine liebevolle Großeltern-Enkel-Beziehung – plötzlich kippen.

Unprätentiös, aber effektiv

„The Visit“ ist kein Meisterwerk. Aber das will er auch nicht sein. Es ist ein solider, unprätentiöser Gruselfilm, der genau weiß, was er tut. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst, hat hier und da sogar humorvolle Momente (Tyler, der jüngere Bruder, ist ein wandelnder Rap-Battle-Enthusiast, was für herrlich absurde Szenen sorgt), und schafft es trotzdem, ordentlich Spannung aufzubauen.

Wer große Hollywood-Action oder Gore-Effekte erwartet, wird hier nicht fündig. Wer aber Lust auf einen unruhigen Filmabend mit psychologischem Grusel und einem cleveren Twist hat, liegt bei „The Visit“ goldrichtig. Shyamalan beweist hier, dass er auch mit kleinem Budget und reduziertem Setting funktioniert – vielleicht sogar besser als mit seinen großen, oft überladenen Produktionen.

Unterm Strich: ein sehenswerter Rückschritt in die richtige Richtung. Für Fans von Shyamalans früheren Arbeiten und alle, die gerne im Unklaren gelassen werden, bis der Film selbst die Karten auf den Tisch legt.